Medientraining: Wie Sie das nächste Interview vor der Kamera meistern

Ende letzter Woche haben wir bei den Kollegen des Campaign Bootcamps ein Medientraining mit dem Fokus auf TV-Interviews durchgeführt. Einige wichtige Tipps für einen erfolgreichen Auftritt vor der Kamera haben wir hier noch einmal zusammengestellt:

1. Vorbereitung: Ganz gleich, ob Sie ein 1:30 Telefoninterview mit einem lokalen Radiosender führen oder eine Stunde live zur Primetime im Fernsehen interviewt werden: Medienauftritte müssen professionell vorbereitet werden.

2. Kernbotschaften: Entwickeln Sie maximal drei Kernbotschaften (30 Sekunden), die Sie beim Publikum herüberbringen wollen und schneiden Sie die Botschaften auf die entsprechende Zielgruppe zu.

3. Aufbau der Botschaft: Nutzen Sie kurze Sätze, antworten Sie konkret, stellen Sie regionale Bezüge und Vergleichbarkeit her, nutzen sie eine aktive und verbale Sprache und machen Sie Pausen zwischen Ihren Sätzen, um lästige „Ähms“ zu vermeiden.

4. Belege für die Botschaften: Nutzen Sie harte Belege (Statistiken, Zahlen, Trends) und weiche Belege („menschelnde“ Geschichten, Erfolgsgeschichten, persönliche Erlebnisse), um Ihre Botschaften für das Publikum eingängig zu machen.

5. Outfit: Ein Medienauftritt ist kein Tag für Experimente. Tragen Sie etwas, in dem Sie sich wohlfühlen, vermeiden Sie allzu auffälligen Schmuck und achten Sie darauf, keine Fussel oder ähnliches auf Ihrer Kleidung zu haben, wenn Sie vor die Kamera treten.

6. Kontrolle: Der Journalist ist weder Ihr Freund noch Ihr Feind (meistens zumindest). Betrachten Sie ein Interview nicht als simples Frage-Antwort-Spiel, sondern versuchen Sie gezielt, ihre Botschaften zu platzieren und zu belegen.

7. Bridge & Gap: Erkennen Sie die Frage des Interviewers an und leiten Sie anschließend mit wenigen Sätzen zu Ihren Kernbotschaften über, die sie vermitteln wollen.

8. Hintergrund: Achten Sie auf den Hintergrund, vor dem Sie ein Interview geben und scheuen Sie sich nicht, unvorteilhafte Elemente aus dem Bild zu nehmen oder den Hintergrund zu verändern (Vorhänge schließen etc.).

9. Drehstuhl: Lassen Sie sich niemals auf einem Drehstuhl oder einem beweglichen Bürostuhl interviewen. Andernfalls entlädt sich Ihre Nervosität in aufgeregten Bewegungen auf dem Stuhl und vermittelt dem Zuschauer ein unprofessionelles Bild.

10. Hände frei: Legen Sie alle Dinge (Schere, Stifte, Dokumente etc.) außer Reichweite, mit denen Sie geneigt sind, bei Nervosität herumzuspielen.

11. Ablenkung vermeiden: Stellen Sie sicher, dass alle Handys, Festnetztelefone oder sonstigen Geräte, die plötzlich einen Ton erzeugen können, außer Reichweite sind: Nichts ist peinlicher als ein surrendes Mobiltelefon mitten im Interview.

In den kommenden Monaten bietet die Campaigning Academy Berlin ein eintägiges Medientraining zum Verhalten vor und mit der Kamera an. Tragen Sie sich in unseren Newsletter ein, um sich den Frühbucherrabatt für das 1-tägige Seminar „Medientraining für TV- und Radio-Interviews“ zu sichern.

„Unsere Werke setzen den Betrachter unter Extremdruck“ – Philipp Ruch, im Interview über eine Kampagne, die ein ganzes Ministerium in Verlegenheit bringt.

Seit Mitte Mai sorgt eine gefakte Aktion der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit in Berlin für heftigen Wirbel: Das Bundesfamilienministerium startet die Kampagne „Kindertransporthilfe des Bundes“ und ruft im Namen der Familienministerin Manuela Schwesig potenzielle Pflegeeltern in Deutschland dazu auf, vorübergehend syrische Kinder aufzunehmen. Die Seite des Ministeriums trägt das offizielle Logo, zeigt Fotos der Ministerin und viele syrische Kinder. Es gibt auch eine Presseseite mit offiziellen Vertretern des Ministeriums. Ein professioneller Werbefilm erklärt, worum es geht. Die ganze Kampagne ist so gut, dass sie echt sein könnte – ist sie aber nicht. Gut drei Wochen nach dem Start der Kampagne treffen wir Philipp Ruch, Kopf der politischen Künstlergruppe, zum Interview.

Volker Gaßner: Wann sind Sie auf die Idee zu dieser Kampagne gekommen und was war der Anlass?
Philipp Ruch: Das war nach dem Umschwenken des amerikanischen Präsidenten im vergangenen August, als er davon abkam, in Syrien militärisch zu intervenieren. Alle politischen Beobachter waren sich damals einig, dass Amerika nach dem Einsatz von Chemiewaffen eingreifen würde. Weshalb der Präsident dann mit seinem Versprechen brach, ist bis heute ungeklärt. Was in Syrien seit drei Jahren geschieht, ist ein Verbrechen an der gesamten Menschheit.

Volker Gaßner: Wie lange haben Sie an dieser Kampagne gearbeitet und wie groß ist das Team dahinter?
Philipp Ruch: Es hat sechs Monate gedauert, das zu entwickeln, was heute zu sehen und zu bestaunen ist. Das Kernteam besteht aus sieben Leuten, aber mit der Weiterentwicklung holen wir kontinuierlich Personen dazu. Zum Zeitpunkt der Errichtung des Mahnmals gegen die Lebensgefahren und Todesängste syrischer Kinder waren an der Aktion wahrscheinlich um die 150 Menschen beteiligt. Allein an der Videorecherche, -animation, -schnitt und -upload für die „1 aus 100“-Show waren fünfzehn Personen beschäftigt.

Volker Gaßner: Was treibt Sie persönlich an sich für dieses Thema zu engagieren?
Philipp Ruch: Die Bundesrepublik Deutschland fußt moralisch auf dem Schwur: „Nie wieder Auschwitz!“Wir haben geschworen, Völkermord (Genozid) bzw. – wie in Syrien – Bevölkerungsmord (Demozid) nicht tatenlos zuzuschauen. Dieses Thema zieht sich durch all unsere Arbeiten. In Syrien kommt ein interessanter Punkt dazu, nämlich die weitgehende Teilnahmslosigkeit am Krieg. Viele Deutsche sehen einfach keine Menschen, sondern fatale Kategorien wie „Terroristen“ und „Islamisten“. 95 % aller Opfer sind Zivilisten und haben mit dem schrecklichen Krieg nicht das Geringste zu tun. Dieser Krieg hat die größte Flüchtlingskatastrophe in der jüngeren Geschichte ausgelöst. Zehn Millionen Menschen sind vertrieben und geflüchtet.

Volker Gaßner: Was wollen Sie mit Ihren Aktionen erreichen?
Philipp Ruch: Wir machen politische Aktionskunst. Unsere Werke setzen den Betrachter unter Extremdruck. Es geht darum, die Herzen von dem ganzen Dreck zu befreien, der bis heute verhindert, dass wir die in der Schulzeit beschworenen Ideale auch in die Tat umsetzen.

Volker Gaßner: Gab es schon eine offizielle Stellungnahme der Ministerin?
Philipp Ruch: Im Stern-Interview meinte die Ministerin, dass sie die Kunstfreiheit in unserem Land im Gegensatz zu Assad respektieren wolle. Das ist nicht gerade mutig für eine Ministerin, die unter dem positiven Erwartungsdruck steht, etwas für die „lost generation“ zu tun, die sich aus 5,5 Millionen syrischen Kindern zusammensetzt. Wir haben Manuela Schwesig, selbst Mutter eines sechsjährigen Jungen, einen Akt politischer Schönheit vorbereitet. Sie muss im Grunde nur das tun, was Politiker immer tun: nur noch abspulen und nicht mehr denken. Wir haben alles vorgedacht. Ergreift sie nicht die Gunst der Stunde, rückt ihre Kanzlerkandidatur, die wir ebenfalls fixfertig für sie entwickelt haben, in weite Ferne.

Volker Gaßner: Sie legen sich immer mit den Großen an und machen Kampagne gegen die Lebensmittelspekulationen der Deutschen Bank, den Waffengeschäften der Firma HECKLER & KOCH oder den Panzerlieferungen der Bundesregierung nach Saudi Arabien. Haben Sie keine Angst vor den Juristen der Konzerne und der Reaktion der Politik?
Philipp Ruch: Es kommt bei jeder Aktion zu einer Rechtskollision. Unterschiedliche Rechtsstandpunkte prallen aufeinander und müssen vor den Richter. Der größte Fehler der Gegenseite ist dann immer, dass sie sich auf Urteile zur Meinungsfreiheit beruft, wo es aber um Kunstfreiheit geht. Die Kunstfreiheit ist verfassungsrechtlich viel besser und genauer geschützt als die Meinungsfreiheit, das wissen aber selbst die meisten Juristen nicht. Unser Rechtsstandpunkt ist von einem renommierten Anwaltsteam stets sauber vorbereitet und ausgearbeitet.
Das Muster dahinter ist allerdings interessanter: was wir tun, dürften syrische Flüchtlinge nie tun. Man würde sie sofort abschieben. Wir kämpfen, wie unser Kanzlerkandidat aus dem Jahr 2032 einmal meinte, mit dem Recht des Stärkeren für das Recht des Schwächeren. Diese aristokratische Tugend ist bedenklicherweise in Vergessenheit geraten.

Volker Gaßner: Gehört Provokation zu einer guten Kampagne dazu?
Philipp Ruch: Ich kann eigentlich in keinem unserer Werke die Provokation erblicken. Es ist tatsächlich so, dass ich mich als Mensch deutlich mehr von der Flüchtlingsabwehrpolitik der Bundesregierung provoziert fühle. Oder von der Teilnahmslosigkeit der deutschen Bevölkerung gegenüber Assads feigen und brutalen Luftangriffen auf sein Volk.

Volker Gaßner: Wie sind Sie eigentlich auf Ihren, sagen wir, außergewöhnlichen Namen „Zentrum für Politische Schönheit“ gekommen? Was steckt dahinter?
Philipp Ruch: Die Begriffsallianz war von der allerersten Stunde an Programm: wir suchen Akte von politischer Schönheit. Politische Schönheit ist moralische Schönheit. Kein Thema macht Anstand, Mitmenschlichkeit und Verletzlichkeit methodisch derart sichtbar wie die Frage, wer gegen genozidale Verbrechen aufbegehrt und Widerstand geleistet hat – notfalls gegen die eigene Karriere, die eigenen Freunde oder die eigenen Gefühle. Es lohnt sich, im apokalyptischen Schatten der Geschichte der Menschheit nach den strahlenden Akten politischer Schönheit zu suchen. Schlimm, aber wichtig.

Volker Gaßner: Wir sind sehr gespannt, wie es mit dem Thema weitergeht. Philipp Ruch, herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg für die Kampagne!

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